Ghostwriter, Autor, Texter, Texte, schreiben, Biografie, Texte Bremen
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Die eigene Biografie entdeken  

Die Lichter der entgegenkommenden Fahrzeuge funkelten durch die Wassertropfen auf der Frontscheibe. Davon abgesehen war es draußen nur schwarz. Der Regen war nicht stark, eher ein gleichmäßiges Nieseln. Ich war hundemüde und konnte fast nichts sehen. Sonst wäre ich wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen, auf den Parkplatz des „Deutschen Hauses“ einzubiegen, der am Rande von Bremervörde auftauchte.

 

Warsteiner Pilsener, kalte und warme Küche sowie Fremdenzimmer wurden annonciert. Ich musste dringend mal aufs Klo, wollte was trinken und vielleicht eine Kleinigkeit essen, dann möglichst schnell weiter. Unterkünften, die als Fremdenzimmer ausgewiesen werden, misstraue ich. 

 

Ich betrat die Gaststube (müsste es nicht konsequent Fremdenstube heißen?) und fand alles so vor, wie ich es erwartet hatte. Geruch nach kaltem Rauch und schalem Bier, Tische und Theke aus dunkler Eiche, Lampen aus Schmiedeeisen mit gelblichem Glas.

 

Auch das Klo entsprach meiner Erwartung, uringelbe Kacheln, kalte Luft, trotz der offenen Fenster ein intensiver Geruch nach den grünen Klosteinen im Pissoir, an den Türen zu den Kabinen die graue Farbe abgeschabt. Filzstiftzeichnungen an Tür und Wänden der Kabine ließen die eingeschränkte Phantasie der Autoren deutlich werden. 

 

Die Hocker an der Theke waren noch frei, ich setzte mich auf einen weit an der rechten Seite, so dass ich den Raum und den Eingang im Blick hatte.

 

„Moin“, schickte die Wirtin in meine Richtung und zapfte einige Biere. Dann stellte sie die Gläser ab und ließ ein „Ja?“ folgen.

 

„Können Sie sich vorstellen, was mir kürzlich passiert ist?“

 

Die Stimme kam von hinten und ich fühlte mich nicht angesprochen.

 

„Es ist unglaublich, die Ärzte verwechseln heutzutage ja nicht nur Niere und Milz. Die geben dir auch eine Narkose, wenn du gar nicht operiert wirst.“

 

Ich wandte mich halb um, am Tisch saß ein älterer Herr und sprach in meine Richtung.

 

Ich zeigte auf mich und zog fragend sie Nase kraus.

 

„Ja, genau, ich spreche mit Ihnen. Ich meine, ist natürlich schon lange her, muss so '49 oder '50 gewesen sein. Ich war zwölf. Kurz vor dem OP-Termin hatte ich mir bei einem Sturz eine kleine Wunde zugezogen. Als ich die Ärzte darauf hinwies, meinten sie, dass ich damit nicht operiert werden könnten. Das habe ich dann allerdings kaum noch mitbekommen, weil die Narkose schon wirkte. Dummerweise musste ich dann vier Wochen später nochmal ins Krankenhaus, diesmal war es dann ernst mit der Operation.“

 

„Dumme Sache,“ war das einzige, was mir dazu einfiel. Ich drehte mich wieder um und nahm einen Schluck Bier. Ich war genervt, weil ich es nicht leiden konnte, dass ich ein Wort von ihm wiederholt hatte. Und ich mochte es nicht, von Leuten vollgequatscht zu werden. Verbale Inkontinenz, also doch ein Fall für den Arzt.

 

„Die Ärzte sind doch zum großen Teil Pfuscher oder geldgeil. Und im schlimmsten Fall beides. Ich habe mal eine Sache mit einem Urologen erlebt, das werden Sie nicht glauben.“

 

„Doch, ich war auch schon mal beim Urologen,“ entgegnete ich schwach, aber er schien es gar nicht zur Kenntnis zu nehmen.

 

„Nach dem Vorgespräch wurde ich zu einem Kollegen geschickt, der alle Untersuchungen mit Ultraschall und so durchführte. Bei mir war natürlich alles bestens, Niere, Blase, Galle, alles in Ordnung. Mit dem Befund bin ich dann wieder zu meinem Arzt zurück. So ein Mädel brachte mich gleich in die Röntgenzelle. 'Warum soll ich denn geröntgt werden?' fragte ich. Die Dame wusste es nicht und der Arzt brachte mich mit seiner Begründung zum Nachdenken. Genau die Untersuchung hatte sein Kollege nämlich zuvor mit deinem Ultraschall gemacht. Später habe ich erfahren, dass mein Arzt seinen Röntgenapparat ganz neu hatte und wahrscheinlich noch abzahlen musste.“

 

„Das wäre ja nichts ungewöhnliches. Natürlich müssen die Ihre Maschinen bezahlen. Wegen der teuren Geräte gehen die Leute ja schließlich auch dahin. Aber Sie sind ja alt genug, Sie können sich wehren und haben das ja auch getan.“

 

Ich hoffte, dass er mich jetzt in Frieden lassen würde, aber da hatte ich seine Hartnäckigkeit unterschätzt.

 

„Es sind beileibe nicht nur die Ärzte, die einen bescheißen. Entschuldigen Sie dieses Wort. Es sind auch andere Berufsgruppen. Einmal haben mich Zöllner an der Grenze zur Tschechei ausnehmen wollen. Es waren drei Beamte, die sich in dem engen Häuschen drängten. Obwohl ich der tschechischen Sprache nicht mächtig bin, entnahm ich ihren Äußerungen, dass sie mich wegen eines fehlenden D-Schildes an meinem Auto nicht durchlassen wollten. Allerdings seien sie gegen Zahlung von einhundert Mark bereit, ein Auge zuzudrücken.“

 

„So was ähnliches ist mir auch schon mal passiert,“ hörte ich eine Stimme, wieder in meinem Rücken. Ich wandte mich langsam und und nahm ein verblühte Schönheit war, blondes strohiges Haar mit erkennbarem dunklem Ansatz, runzelige Haut von zu langen Bädern in künstlicher Sonne, Lurexpullover mit Querstreifen, die Bauch und Oberweite unvorteilhaft betonten, und eine hautenge Jeans. „Allerdings war es an der Grenze zum ehemaligen Jugoslawien. Wir hatten auch kein D-Schild dran. Damals lebte mein Heinz ja noch, natürlich war der am Steuer. Der Grenzer machte ihm also irgendwie klar, dass er uns ohne das blöde Schild nicht reinlassen wollte. Mein Heinz war schon auf hundertachtzig. Da hab ich ein bisschen mit dem Kerl geschäkert und schließlich hat er uns einen Laden gezeigt, wo man so Dinger kaufen konnte. Heinz also rechts raus, ich zu Fuß zu dem Laden, dabei krieg ich von den langen Fahrten immer so dicke Füße, dass ich kaum noch in die Schuhe komme.

Ich also zu der Bude gehumpelt, da war ich nicht die erste, das kannste glauben. Da waren mindestens noch zehn Mann vor mir. Und alle haben so Schilder gekauft. Der wollte über zehn Mark dafür haben.

 

Also hat der doch mit dem Grenzer gemeinsame Sache gemacht. Ich meine, dieser Kioskfritze und der Grenzer, die stecken doch unter einer Decke. So ein D-Schild krieg ich doch beim ADAC umsonst. Die haben richtig Reibach gemacht.“

 

So fängt die Biographie eines Herrn aus Bremervörde an, der mit über achtzig Jahren seine Lebenerinnerungen verfassen lassen wollte.

Wortspielerei

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